2. Philatelistische Reise - Forschungsgemeinschaft Litauen e.V.

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2. Philatelistische Reise

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Die 2. Reise der Forschungsgemeinschaft nach Litauen
19. bis 31. Juli 2008

        Martin Bechstedt

                                                                                                                                                                                                       
Endlich war es nun geschafft! Nach mehreren Anläufen und längerer Organisationsphase konnte sich eine kleine Gruppe von 8 Teilnehmern auf die kommenden 12 Tage freuen, die uns durch Litauen führen sollte. Da die erste Reise schon acht Jahre zurücklag, wollten wir Gutes wiederholen, zu kurz Gekommenes intensiver erleben, aber auch Neues erkunden. Ein erstes kleines Treffen der Kölner und Hamburger Gruppe fand schon auf dem Kopenhagener Flughafen statt, im Gegensatz zu den hier oft üblichen hektischen Transitwechseln mit viel Zeit für Kaffee- und Rauchpausen (die uns in nächster Zeit noch oftmals erfrischende Unterbrechungen bescheren sollten). Der Transfer vom Flughafen Vilnius führte dann zur Überraschung aller in ein nobles Kloster-Hotel am Rande der Altstadt. Dieser Komfort und diese Lage waren wirklich
unerwartet. Ein erster Gang durch die Stadt zeigte eine von Grund auf mit viel Sinn fürs Historische restaurierte Metropole, die sich auf ihre Rolle als eine der Kulturhauptstädte 2009 vorbereitet. Komplettiert wurde unsere Runde durch die Ankunft von Herrn Löbbering am Abend und das Eintreffen von Leonas Veržbolauskas am nächsten Morgen nach einem opulenten Frühstück im Klosterinnenhof. Leonas erwies sich in den nächsten Tagen als guter Geist der Gruppe, als Dolmetscher und Berater, der sich abwechselnd den Beinamen „Professor“ oder „Bergziege“ einhandelte.

Die nächsten zwei Tage (Sonntag, Montag) waren Vilnius gewidmet, da wir während der letzten Reise unglaubliche drei Stunden für diese Stadt übrig hatten. Unsere örtliche Reiseleiterin führte uns bei strahlendem Wetter fachkundig durch die Stadt (ein Lob hier an das Reisebüro Mare Baltikum, die uns immer kompetente und umgängliche Begleiter organisiert hatte!). Die Stadt zeigte sich einmal mehr gut gerüstet für das große Ereignis nächstes Jahr, in dem Litauen sein 1000jähriges Bestehen feiert:
fast alle Baustellen waren verschwunden, alle Gebäude fertig restauriert, die wir vor acht Jahren noch hinter bröckelnden Fassaden oder Betonmischern gesehen hatten, die Zahl der Straßencafes und Restaurants nun noch größer. Leider wird das Schloss des Mindaugas an der Kathedrale zum nächsten Jahr nicht vollendet werden.

Natürlich nutzten mehrere unserer Mitglieder die zwei Tage, um in Antiquariaten und Buchläden nach Schätzen zu suchen. Erstaunlicherweise ist im Gegensatz zu Lettland und Estland kaum Material in der Stadt! Es gab entweder keine Antiquariate, oder sie hatten dauernd geschlossen, eine Erfahrung, die sich auch in anderen Städten wiederholte.  Jäger kamen auf dieser Reise jedenfalls zu kurz. Dafür kündigte sich schon in Vilnius ein zweites Hauptthema dieser Reise neben der Philatelie an: kulinarische Genüsse hat das Land im Überfluss zu bieten, und das zu moderaten Preisen in gemütlicher Umgebung, freundlich serviert
(Bild: Zeppelinai). Eines mussten die zeitgeplagten Mitteleuropäer allerdings gleich zu Anfang lernen: ein gutes Essen will frisch zubereitet sein, und so mussten wir uns daran gewöhnen, mindestens  eine dreiviertel Stunde auf das Essen zu warten und die Zeit mit alus oder einem Pfeifchen zu verkürzen.

Drei philatelistische „events“  gab es während des Vilnius-Aufenthaltes für die Gruppe: zuerst trafen wir im Nationalmuseum die Leiterin der Abteilung Philatelie, die uns ein entstehendes Buch über die Zeit bis 1940 mit außergewöhnlichen Beleg-Abbildungen präsentierte („... so ein Stück hätte ich auch gerne in meiner Sammlung ..“ klassisches Zitat).  Zum Zweiten nutzte Herr Fels seine „Kuchenkontakte“, um uns in die Versandstelle der litauischen Post zu führen. Dort werden nicht nur Abonnenten versorgt, sondern auch die Expedition der Marken in die Rayonpostämter vorgenommen. Natürlich kann man auch selbst Marken und Stempel bekommen. Dort zeigten sich zwei besondere highlights: Auf einem Regal fanden wir eine Druckmolette für die mare Balticum-Markenheftchen, schön poliert und von dem dortigen Personal völlig unbeachtet! Unser begeistertes Interesse stieß jedenfalls auf
freundliches Unverständnis. Dann ging es in ein Archiv, und in so einem Archiv sind gewiss nur wenige Philatelisten gewesen! Wir durften die Weltpostvereinsbestände der litauischen Post besichtigen und wurden freundlich aufgefordert, doch munter in den Alben zu blättern, was dann auch geschah.  Sodann ging es in das Zentralverteilerpostamt in Vilnius, auch ein Programmpunkt, den uns Herr Fels ermöglicht hatte. Eine überaus freundliche Direktorin begrüßte uns, führte uns überall herum und ließ uns nach Herzenslust fotografieren und sogar selbst stempeln! Manch einer verabschiedete sich im Angesicht der Stempelfülle von dem Gedanken, so etwas sammeln zu wollen. Einzig unser Schriftführer ließ nie locker (Bild:  Postsäcke). Dieser Besuch war jedenfalls ein außerordentliches Erlebnis, ein unschätzbarer Einblick in die Interna der Post .

Am Dienstag, den 22.7. machten wir uns dann auf zu dem historischen Ort Litauens schlechthin, der Burg Trakai. Restaurierte Burg und Ausstellungssäle vermitteln einen eindrucksvollen, modern präsentierten Einblick in die litauische Geschichte; leider waren wir zu unserem Leidwesen nicht die einzigen Interessenten! Das Mittagessen brachte uns auf Empfehlung von Leonas die köstliche und bodenständige karäische Küche näher, mit Kohlsuppe im gebackenem Schwarzbrottopf. Weiter gings dann nach Druskininkai zur verdienten Erholung, denn dieser Kurort mit seiner schönen landschaftlichen Lage am Memelufer und seinem „Schönheitswasser“ strahlt eine Ruhe und Beschau-lichkeit aus, die ihresgleichen sucht . Vorher gelang ein Besuch bei einem landesweit
bekannten Holzschnitzer, der beeindruckende Werke, geschnitzt aus Baumholz, zu bieten hat. Programmgemäß und erwartet beeindruckend erwies sich die Besichtigung des „Grutas-Parks“, ein europaweit bekanntes Gelände, auf dem Statuen, Skulpturen und Devotionalien aus der Sowjetzeit von einem „Pilz-Millionär“ gesammelt sind. Auch Druskininkai bietet eine philatelistische Seite in Form der Wirkungsstätte von Kažys Jonynas, einem litauischen Künstler, der die Freimarkenserien der  Französischen Zone entworfen hat. Diese sind nach Meinung vieler Philatelisten einige der schönsten Marken Deutschland! Nach anfänglicher Enttäuschung (das Museum war geschlossen) gelang es Leonas aber wie so oft, eine Museumsangestellte aufzutreiben, die aber über ihre Bestände kaum Bescheid wusste. Entwürfe gab es dort leider nicht, aber einen guten Überblick über das künstlerische Werk (einschließlich Skizzenblock und Holzbeitel).

Nach einem geruhsamen Tag in Druskininkai ging es nun bei strahlendem Wetter nach Kaunas, der ehemaligen Hauptstadt. Der Bus lud uns an einem Hotel der Extraklasse in der Nähe der Fußgängerzone ab; die nächsten zwei Tage konnte jeder selbst gestalten, angeboten wurden ein Besuch der Gedenkstätte des Forts IX und eine Stadtführung. Hier fanden einige von uns nun tatsächlich die vermissten Antiquariate, so dass nun auch die fällige Präsentation der erworbenen Stücke wie auf anderen Reisen üblich stattfinden konnte. Die Stadt selbst bietet für historisch interessierte Touristen und Philatelisten Einiges (siehe Artikel „Als Philatelist in Kaunas“ in Lituania 16/Dez. 2001 S. 1049-1052 über meinen Besuch Sommer 2000 bei Leonas). Die monumentale Basilika, ein eindrucksvolles Beispiel
der Hauptstadtarchitektur der 30er Jahre, ist nun fertig, geweiht und mit der Standseilbahn gut zu erreichen   (Bild: Basilika). Auch der Präsidenten“palast“, eher ein Herrenhaus am Eingang zur Altstadt, war nun zu besichtigen und beeindruckte durch eine Bildergalerie im Garten, unter anderem mit der Abbildung einer Postkastenleerung mit Chauffeur (Linkes Bild oben: Präsident Smetona im Gespräch mit A. Žmuidzinavičius; Preisfrage: Was hat dieser Herr mit litauischer Philatelie zu tun? Rechtes Bild: Postkastenleerung). Ein später Höhepunkt war das Treffen mit dem philatelistischen Verein im Postmuseum von Kaunas, deren Mitglieder nicht im erwarteten festlichen Outfit anzutreffen waren (wofür hatte ich eigentlich mein Jackett mit auf die Reise genommen??), sondern sich schwitzend mit der Aufstellung von Ausstellungstafeln beschäftigten. An den extra für uns ausgestellten Sammlungen entsponnen sich sogleich temperamentvolle bis hitzige Diskussionen, denn es wurden bemerkenswerte und teilweise noch nie gesehene Stücke der Extraklasse geboten ( „.... so etwas hätte ich auch gerne in meiner Sammlung ....“), worauf der offizielle Teil fast vergessen wurde, der dann durch Herrn Ušpuras gekonnt abgekürzt wurde. Der Austausch mit den dortigen Philatelisten lieferte uns unschätzbare neue Erkenntnisse, der Kaffee kam dabei auch nicht zu kurz.

                                

Nun kam ein weiterer Höhepunkt unserer Reise, die Fahrt ins Memelland und die Kurische Nehrung. Die Sonne meinte es wieder gut mit uns und zeigte das Memeltal in saftigem Grün. Gehandelt und erworben wurde natürlich auch auf der Fahrt! Nach einem Zwischenstopp in Heydekrug / Šilutė mit dem schönsten Postamt des Memellandes und fast den besten Zeppelinai erreichten wir das Delta, wo uns eine wunderschöne Bootsüberfahrt direkt nach Nida erwartete. Nun sollten drei Tage Erholung kommen! Nur holte uns der im Grutas-Park vergangen geglaubte Sozialismus noch einmal ein in Form des Hotels, in dem wir eine ungewollte Zeitreise unternahmen. Die Nehrung selbst ist zu Recht ein Touristenschwerpunkt mit wunder-schöner Landschaft, alten Fischer-häusern und perfektem Essen; hier rückte  das Kulinarische  in Ermange-lung von Antiquariaten endgültig in den Vordergrund der Reise. Wir lernten wieder neue Kreationen kennen, z. B. Chef-Schweinebraten mit Kirschsoße und beacon-ummantelter Banane auf Mini-Fritten. Die Nehrung als Natur-Kleinod sei jedem ans Herz gelegt, zumal durch den Flughafen Palanga leicht zu erreichen. Durch das Eintreffen unseres hochmotivierten und außerordentlich gut informierten Reiseführers, des Marine-Offiziers a.D. Herrn Bohlmann, waren die Waffengattungen in unserer Gruppe nun komplett (Heer, Marine, Luftwaffe, Presse, Zoll, Zivildienst). Herr Bohlmann brachte uns in einer ganztägigen Exkursion mit manch einer schweißtreibenden Dünenwanderung die Nehrung näher.

Nach dem Frühstück beim postsozialistischen Realismus brachen wir dann am Dienstag, den 29.7. nach Memel / Kleipeda auf, nicht ohne das eindrucksvolle Meeresmuseum an der berühmten Mole an der Hafenausfahrt besucht zu haben. Bei der anschließenden Stadtführung (Bild: Marktplatz mit Ännchen von Tharau) zeigte Herr Bohlmann eins ums andere seine genauen Kenntnisse, führte uns in eine Kunstgalerie, in der Herr Löbbering gleich eine Verschönerung für sein Heim erwarb, in das alte (nettes Personal) und das neue (unfreundliches Personal) Postamt sowie als Abschluss in ein Kellergewölbe mit perfektem Essen, von einem ukrainischen Koch selbst ersonnen. Den Tag schloss eine lockere Bierrunde auf dem Marktplatz gegenüber dem „Ännchen“ ab.

Am nächsten Tag, Mittwoch den 30.7.,  machte sich doch so etwas wie Abschiedsstimmung breit, denn es ging wieder zurück nach Vilnius. Auf dem Weg verabschiedeten wir unseren „Professor“ Leonas. Wir bedanken uns bei ihm für seine unschätzbare Hilfe, seine liebenswürdige Art und wünschen ihm weiterhin soviel Energie und gute Gesundheit! Die verbleibende Zeit bis zum Abflug am nächsten Tag nutzte jeder, um anfangs Unterbliebenes nachzuholen. Ich fuhr endlich auf die Gediminasburg und konnte das entstehende Schloss in seinem ganzen Umfang erblicken (Bild). Der Besuch des „Signatarhauses“ in der Fußgängerzone, das nun endlich geöffnet hatte, erwies sich als außerordentlicher Glücksfall, denn eine feinsinnige litauische Historikerin konnte mir viele bis dato unbekannte Details und Abbildungen verschaffen, die auch für das Handbuch von Bedeutung sind. Dieses Haus sollte nächstes Mal genauer in Augenschein genommen werden!

Nach einem Abendessen in dem schon bewährten Lokal in Reichweite des Ostra Brama genoss jeder nochmals das hervorragende Klosterhotel. Nach dem Frühstück verabschiedete man sich dann. Diese Reise wird uns ähnlich wie die letzte lange in guter Erinnerung
bleiben, sie bot neben quirliger Großstadt auch landstädtische Atmosphäre und typisch litauische Landschaft. Der fachliche Austausch hätte noch einen größeren Rahmen einnehmen können, das einmalige Treffen in Kaunas war doch etwas zu wenig. Allerdings darf man nicht vergessen, dass die litauischen Philatelisten meist berufsttätig sind, die in der Woche wenig Zeit erübrigen können. Auf jeden Fall nahmen wir viele neue Erkenntnisse mit, das Handbuch ist wieder um einige Facetten reicher! Viele Eindrücke zeigten uns, dass das neue Litauen mehr erreicht hat als vor acht Jahren vorherzusehen war, und diese Eindrücke könnten durchaus in einer weiteren Reise vertieft werden, dann vielleicht mit einer Konzentration auf den zentralen und östlichen Teil. Auch Kaunas und Klaipeda sind durchaus noch nicht „abgehakt“. Die Fahrt 2008 jedenfalls war aufgrund der umfassenden  Planung und Vorarbeit von Herrn Fels und Herrn Dr. Feustel ein voller Erfolg. Allen denen, die an der Organisation und der Durchführung der Fahrt beteiligt waren, gilt unser herzlicher Dank ! Auf Wiedersehen dann hoffentlich in einigen Jahren in Litauen, auf jeden Fall aber nächstes Jahr in Ehlershausen!


 
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