Mittellitauen - Forschungsgemeinschaft Litauen e.V.

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Mittellitauen

Sammelgebiete

Mittellitauen (poln. Litwa Środkowa)

Der Separatstaat Mittellitauen entstand durch eine Militäraktion 1920 im Ostteil der Republik Litauen. Im Jahr 1922 wurde das Territorium der Hauptstadt Vilnius durch polnische Truppen besetzt. Aufgrund eines Dekerets von General Lucijan Żeligowski wurde eine "Abteilung für Post und Telegraphen" eingerichtet. Die wichtigste Aufgabe dieser Abteilung war es, ein Netz von Postämtern zu errichten. Ebenso war es eine Aufgabe, die im Krieg zerstörten Postgebäude und Einrichtungen, wieder aufzubauen. Am 16. Oktober 1920 wurde das erste Postamt "Wilan 1" in Betrieb genommen. Die Mittellitauische Post übernahm von der Polnischen Post alle Originalvordruck und Originaldrucke der Briefmarken, die das Post- und Telegrafenamt herausgegeben hatte. Die ersten Überdruckmarken kamen am 23. November 1920 an die Postschalter.


Das Gebiet Mittellitauen (schraffiert)

                     Quelle: Bekanntschaft mit Litauen; Buch des Jahrtausends; Krastotvarkas, Kaunas 1990

Neues von der mittellitauischen Wappenreiter-Überdruckausgabe 1920

Der Michelkatalog führt die angesprochene Markenausgabe unter Mittellitauen als Mi.-Nr. 4 – 13. Die sogenannte Fehldruck-Abarten: F I – F VI entstanden auf den Bogen der Mi.-Nr. 8 – 10, weil man an Stelle der vorgesehenen Wertangabe „6 Mark 6“ auf den Druckfeldern 28 + 78: „10 Mark 10“ und auf den Feldern 30 + 80: „4 Mark 4“ setzte. Von diesen Fehldrucken wurde schon bald eine angebliche 2. Auflage bekannt, bei der tatsächlich die Feldfehler der echten Fehldrucke fehlten. Landré signierte sie ab etwa 1947 in Deutschland ausdrücklich mit: „Nachdruck“. Ich besitze derartige Marken. Man vermutete daher mit Recht, dass von den Fehldrucken eine zweite Auflage hergestellt wurde, um sie nicht „zu selten werden zu lassen“, wie Kronenberg 1985 betont. Er gibt auch an, dass alle Überdruckmarken Mi.-Nr. 4 – 13 und die Fehldrucke in ganzen Bögen mit 2 Arten abweichenden metallischen Farbglanzes des blauen Aufdruckes vorkommen. Zur Frage, ob die Bögen etwa auch neu gesetzt wurden, nimmt er nicht Stellung. Die Fehldrucke kommen aber nach seiner Ansicht nicht mehr auf den nachgedruckten Bogen „6 Mark 6“ vor!
Schmutz und Kalinowski (2000) kommt das Verdienst zu, bei genauen Messungen herauszufinden, dass zumindest ein Teil der Aufdrucke, nämlich die „4 Mark 4“ – Aufdrucke auch in 2 verschiedenen Aufdruck-Formatgrößen vorkommen, ebenso wie alle Fehldrucke I – VI. Auch alle Kopfsteher aus Mi.-Nr. 4 – 13 außer der Mi.-Nr. 4 haben das verkleinerte Aufdruckformat.
Klein hatte 1998 auf 2 mikroskopisch unterscheidbare Farbmikrostrukturen, bei allen Überdruckmarken auch mit Mikro-Fotos hingewiesen und 2002 vermutet, dass die 2. Auflage durch Klischee-Vervielfältigung mit Hilfe der Stereotypie erfolgte, die jeden-falls zu etwas kleinerem Format der Duplikate führt.
Pacholczyk stellte 2003 die gesamte entsprechende Mittellitauen-Literatur zusammen und betont, nachdem die Überdruckmarken nach 3 Tagen am Schalter ausverkauft waren, wenn sie überhaupt dorthin gelangten, dass ein zweiter Markendruck von Originalplatten hätte erfolgen können, bevor sie unbrauchbar gemacht wurden. Er betont auch, dass die erneute Produktion dieser Marken mit relativ niedrigen Wertstufen bei der rasch fortschreitenden Inflation und neuen höheren Portosätzen keinen Sinn gemacht hätte.
                                                              
Über die Herstellungsweise der „2. Auflage“ herrscht immer noch Unklarheit. Handelte es sich um Produkte von übrig gebliebenen Einzelklischees bzw. kleinen Einheiten oder um ganz neue Bögen? Der Michelkatalog hatte früher (bis 1995/96) von ND’s (Neudrucken, Nachdrucken) in Form von Halbbögen gesprochen, zumindest in Bezug auf die Fehldrucke. Niemand kannte heutzutage größere Einheiten von Bögen der „2. Auflage“ bzw. von Nachdrucken (ND), geschweige denn Halbbögen, oder hat darüber bisher berichtet. Auffällig ist nur, dass die echten Fehldrucke meistens in waagerechten Streifen auf dem Markt angetroffen werden, ND’s jedoch nur als Einzelmarken vorkommen.
Jetzt kann erstmalig ein Teilbogen mit Oberrand aus 16 zusammenhängenden Feldern vom Neudruck der „6 Mark 6“-Marke (Mi.-Nr. 10) vorgelegt werden, wobei ein Dreierstreifen mit den Feldern 15, 16 und 17 sowie ein Viererblock mit den Feldern 28, 29 sowie 38 und 39 nicht abgebildet werden. (Das Feld 38 kann aufgrund eines Urmarkenfehlers, nämlich der Litauen Mi.-Nr. 56 identifiziert werden, hier ist der obere rechteckige Rahmen um das Markenbild links von der Mitte deutlich gebrochen.)
In Abb. 1 werden 16 Felder des Originalbogens Mi.-Nr. 8 wiedergegeben, in Abb. 2 die 16 Felder des neu aufgefundenen Nachdruckbogens Mi.-Nr. 10. Diese Marken konnten als „2. Auflage“ durch die Mikrostruktur der blauen Aufdruckfarbe bei 600facher Vergrößerung mit Hilfe des wissenschaftlichen Mikroskops und mit Hilfe des verkleinerten Formates des Aufdrucks identifiziert werden.

                   

                   Abb.1: Teil des Originalbogens Mi.-Nr. 8                     Abb.2: Teil des Nachdruckbogens Mi.-Nr. 10

Die Felder 1, 4, 22 und 34 werden in den Abb. 3, 4, 5 und 6 wiedergegeben. Nebeneinander ist links jeweils das entsprechende Feld des echten Bogens, rechts das des neu aufgefundenen Bogens abgebildet. Feld 1 (Abb.3) des neuen Bogens weist einen Farbklecks am rechten Bein des R in MAR auf. (2 weitere waagerechte Markenpaare mit gleichem Feldfehler liegen außerdem vor.) Beim neuen Feld 4 (Abb.4) steht das A in POCZTA höher, das Wort SRODKOWA weist besondere Abweichungen auf.

        

                            Abb.3: Feld 1 Original und Nachdruck                   Abb.4: Feld 4 Original und Nachdruck


Die im Ruch-Katalog für die echten Marken genannten Feldfehler fehlen: Dort wird für Feld 4 angegeben: Gespaltener rechter Arm des W in SRODKOWA (Abb.4), Feld 11: Rechts neben der Adlerkralle kleiner Fleck, und schließlich Feld 22 (Abb.5): WA ins SRODKOWA beschädigt.


          

                         Abb.5: Feld 22 Original und Nachdruck                  Abb.6: Feld 34 Original und Nachdruck

Zusammenfassend ergibt sich: Die Marken der „2. Auflage“ / ND wurden von einer neuen, wahrscheinlich auch 50 Felder umfassenden Druckplatte hergestellt. Einige neue Felder haben abweichende, also neue Feldfehler, viele Felder sind aber wie vorher wegen der guten Herstellungsqualität überhaupt ohne verwertbare Feldabweichungen. Anscheinend wurden auch die ursprünglichen Fehldrucke nicht in die neue Platte eingearbeitet (das „neue“ nicht abgebildete Feld 28 sieht auch „normal“ aus).
Auf welchem Weg überhaupt die Einzelfelder der neuen Platte entstanden sind, müsste ein Druckfachmann beantworten. Eine unmittelbare Duplizierung der Originalplatte jedenfalls hat sicher nicht stattgefunden. Abschließend ist noch einmal darauf hinzuweisen, dass alle Kopfsteher (außer Mi.-Nr. 4: „2 Mark 2“) von der 2. Auflage stammen, die nach Obigem höchstens als Nachdrucke, wenn nicht sogar als Fälschungen anzusehen sind.
Neugedruckte Marken kommen auch auf gelaufenen Briefen vor, der „seltenste“ Brief mit Marken der Wappenreiterüberdruckausgabe 1920 befand sich im Besitz von G. Hahne (Abb. 7 aus zitierten Buch). Es ist die Mi.-Nr. 5b, „4 Mark 4“ – Aufdruck in der seltenen Farbe karmin. Ein Viererblock prangt auf einem Pachonski-R-Brief mit Abgangsstempel Willno**a 3.1.21 nach Genf/Schweiz. Da der Addressat unbekannt war, gelangte der Brief zurück nach Wilna, wie überhaupt einige dieser Briefe in bekannte europäische Großstädte.


                                                           Abb.7 Brief mit Fehldruck 5b im Viererblock

Nicht nur wegen der Kopfsteher, sondern wegen der neuen Kenntnisse überhaupt, sollten alle attestierten Marken aus Mi.-Nr. 4 – 13 der deutsch-attestierenden Prüfer: Hahne, Jungjohann und Mikulski nach meinen Erfahrungen nachgeprüft werden.

Literatur:
S. Kronenberg: Stamps of Central Lithuania and their Forgeries Amer. Phil. 99, 522 – 526 (1985)
L. Schmutz und M. Kalinowski: (Briefmarken von Mittellitauen aus der Aufdruckausgabe von 1920, überdruckt mit der II-Form) Philatelistyka 10 – 11 (2000) 454 – 459
A.G. Pacholczyk: Was there a “second” edition of central lithuania 1920 overprints on lithuanian stamps. LPS-Journal (2003) 232, 78 – 89
U.E. Klein: Fälschungen und Echtheitskriterien, 5. Fortsetzung: Mittellitauen. Lituania, Mitteilungsblatt der Forschungsgemeinschaft Litauen 9, 572 – 578 (1998)
Wie echt kann falsch sein, Mittellitauens Wappenreiter-Überdruck 1920. Arbeitsgemeinschaft Polen, Heft 50 (2002) 57 – 62
The scientific microscope for fighting forgeries in Philately (mit Mittellitauen-Abbildungen und Technikbeschreibung) FFE-Journal, 9 (2006) 65 – 74
Ruch-Katalog: Polski znaczki pocztowe, tom IV. Warschau 1966, 112 – 113·
G. Hahne: Philatelic expertising 2004, 122-123. The AIEP-handbook, edited by W. Hellrigl, Zürich 2004.

 
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